Der erste Regen

Es sind sicherlich schon zwei Monate her, mindestens, seit dem Ende der kühleren Jahreszeit.

Zwei Monate, in denen es so heiß war, wie wohl niemals zuvor, wenn man den Menschen hier glauben darf. Glücklich die, die tagsüber in klimatisierten Räumen arbeiten dürfen und Pech für alle, die an der „frischen Luft“ malochen müssen.

Jeder Tag das gleiche, schon frühmorgens unverschämt heiß, so wie sonst nur um die Mittagszeit, aber das Thermometer klettert trotzdem immer weiter. Erst ein, zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wird es wieder erträglich, kann man sich wieder hinaus wagen.

Die Menschen haben sich angepasst, soweit das geht. Alles passiert ein paar Ticks langsamer. Ich habe meine Einkäufe von nachmittags auf morgens verlegt, in der trügerischen Hoffnung, daß es so früh eher auszuhalten ist, wenn man einkaufen… geht! Ich könnte zwar auch mit dem Moped fahren, aber dann habe ich sofort verschwitztes Haar unterm Helm, und außerdem hat mein Doktor mir angeschafft, ich solle viel zu Fuß gehen, aus Gesundheitsgründen. Ob er dabei an diese Hitze gedacht hat?

Es ist ein Kampf, jeden Tag, und nicht, ob man sich der Hitze stellt, sondern ob man sich einfach in einen klimatisierten Raum verdrückt, ohne an die Stromrechnung zu denken, die dann natürlich astronomisch hoch ausfallen wird. Jeder Gang vor die Türe endet mit einem schweißgetränkten Hemd. Fenster und Vorhänge bleiben zu, damit die Hitze draußen bleibt. Als ob das bei den billigen Fenstern in Thailand viel ausmachen würde! Isolierglas gibt es zwar, aber das ist viel zu teuer für einen Bauherren, sofern er nicht absolute Luxus-Wohnungen baut. Und die meisten Türen und Fenster schließen eh nicht richtig.

Trotzdem ist es im Raum noch 33 Grad, auf dem Balkon vermeldet das Thermometer 35 oder 36 Grad, und außerhalb des Balkons ist es auch im Schatten 37 oder 38 Grad. Und es gibt Gegenden, in denen das Thermometer bis auf 42 oder 43 Grad ansteigt. Dazu gibt es eine akute Wassernot. Viele Felder sind entweder verdorrt oder ausgetrocknet und aufgerissen. Statt über das Grün von den ersten Reis-Setzlingen geht der Blick über eine staubig-braune Ebene.

Und so geht das schon scheinbar ewig, ein heißer Tag reiht sich an den anderen, draußen ist es viel zu heiß, um das „tropische Ambiente“ genießen zu können.

Der Einkauf, der besteht fast nur noch daraus, Wasser oder Getränke zu schleppen, 4 oder 5 Liter am Tag, das Essen selbst ist da Nebensache. In der Hitze hat man kaum Hunger.

Duschen erfrischt auch nicht mehr, denn das Wasser aus der Leitung ist viel zu warm. Manch einer hat die Leitung außen am Haus entlang, diese unseligen blauen Plastikrohre, der bekommt jetzt gleich noch heißes Wasser zum Duschen, daß man sich verbrennt, wenn man nicht aufpasst

Alles wartet, harrt aus, wann diese Bullenhitze endlich vorbei sein wird.

Und dann kommen die ersten kleinen Anzeichen. Der Himmel ist diesig, wie die Tage vorher auch, aber irgendwie doch etwas mehr, jedoch es sind keine Wolken erkennbar. Es wird etwas dunkler, aber noch immer sind keine Wolken auszumachen. Ein etwas kühlerer Wind geht, läßt ahnen, was möglich sein könnte. Einige Zeit später bringt der Wind den Geruch von feuchtem Asphalt, untrügliches Zeichen, daß es irgendwo geregnet haben muß, aber keine Garantie dafür, daß es auch hier regnen wird. In den Tropen ist der Regen manchmal örtlich sehr beschränkt auf ein kleines Gebiet und 100 Meter weiter ist es so trocken als wie zuvor. Und trotz des Geruchs, des kühleren Windes, nirgendwo ist ein Regen auszumachen, nirgendwo die verräterischen Streifen vom Himmel auf die Erde, die den Regen anzeigen.
Und man wendet sich wieder anderen Dinge zu, denn es wird wohl wieder nichts mit der Abkühlung.
Aber plötzlich realisiert man es, man hört das Geräusch, wenn Tropfen auf ein Wellblech-Dach treffen und wenn Autoreifen auf nasser Fahrbahn zischen. Und man zieht mal den Vorhang etwas beiseite, schaut raus aus dem Fenster, und da ist er, der lang ersehnte Regen. Keine großen Tropfen, aber jede Menge Regen. Gerade mal 100 Meter weit kann man noch sehen, dahinter ist alles weiß wie eine Regenwand eben. Da steht man am Fenster oder auf dem kleinen Balkon und freut sich und triumphiert, daß endlich mal eine Abkühlung zu Hilfe kommt. Man sieht, wie der Wind den Regen verbläst, schräg kommen die Tropfen herunter, darum kann man auch nicht einfach das Fenster aufmachen, sonst würde es sofort reinregnen. Aber sei es drum, die Balkontür ist weit offen und es pfeift ein kühler Wind durch die Behausung.

Man steht einfach da und freut sich zu sehen, wie mehr und mehr runter kommt. Vom Dach nebenan, unter dem ein Massage-Salon ist, von dem Dach prasselt das Regenwasser in einem dicken Strahl auf ein geparktes Auto und man denkt, hoffentlich ist das Auto wasserdicht. Die riesige Leuchtreklame einen knappen Kilometer weiter sieht man nicht mehr, da kann sie sich noch so sehr anstrengen. Dafür fahren die Autos auf der Straße jetzt langsamer, weil das Wasser nach ein paar Minuten bereits auf der Straße steht und die Gischt stiebt nur so links und rechts, von den Autos auf den Gehweg. Die Kanalisation wird vom Regen überrascht, wirklich, denn sie kann die Unmenge an Wasser nicht schnell genug weiter transportieren.

Und man steht da und genießt fast heimlich, daß durch den Regen auch die Hitze vertrieben worden ist, daß ein kühler Wind geht und das Thermometer sicherlich um 5 Grad runter geht. Daß wieder Hoffnung aufkommt, daß es jetzt dann mit der tierischen Hitze bald vorbei sein wird und der Normalzustand zurückkehrt.

Morgen ist es vielleicht wieder so heiß wie die letzten Tage, aber heute, heute gab es den ersten Regen.

(Anfang Mai 2016)

(Bilder kommen noch, muß ich erst raussuchen)